Ein Buchhändler für 10 Minuten

by Mike A. Wants

Ein Buchhändler für 10 Minuten

February 27, 2015 Deutsch 0

Vor wenigen Tagen habe ich eine interessante Erfahrung gemacht. Ich hatte meinem Vater dabei geholfen, das Haus ein wenig zu verschönern und bin dann wie immer zurück zu mir gefahren. Wieder hier angekommen habe ich mich dann nicht davon abhalten können, zu meiner Lieblingsbuchhandlung zu gehen.

Eigentlich gibt es dort nur sehr selten etwas für mich (und momentan kann ich eh kein Geld für Bücher ausgeben), aber durch die Fantasy Abteilung zu laufen und die Bücher anzustarren ist doch etwas, dass ein Büchernarr wie ich gerne macht. Ich habe sogar Joe Abercrombie’s neues Buch Half A War gefunden und musste mich zusammenreißen, um es nicht mitzunehmen.

Das ist jedoch nicht, worüber ich heute hier reden möchte.

Während ich so unschuldig durch die Buchhandlung lief und mich schon aufmachte, mich wieder auf den Weg zu machen, kam eine Buchhändlerin mit einer Kunden im Schlepptau an. Es war mir sehr schnell klar, dass die Dame nach einem Geschenk für ihren Sohn (oder so) suchte, da sie damit anfing, ein Buch wie Der Herr der Ringe zu suchen.

Ich blieb also ganz dreist in der Nähe, einfach um herauszufinden, was die Buchhändlerin der Dame empfehlen würde. Es wurde leider schnell klar, dass die Buchhändlerin nur wenig Ahnung vom Fantasy Genre hatte. Ich zumindest denke nicht, dass Das Lied von Eis und Feuer eine Ähnlichkeit zum Herrn der Ringe aufweist. Ob es für einen 15-jährigen Jungen das Richtige wäre sei mal dahingestellt. Das ist für mich als Außenstehender natürlich schlecht zu beurteilen.

Die “Beratung” ging also ein paar Minuten vor sich hin, während ich dort wie ein unfähiger Ninja neben stand und “unauffällig” die Fantasy Auswahl betrachtete. Leider war mein Grinsen wohl teilweise etwas groß, sodass ich schlussendlich doch aufflog. Hätte ich in der Ninja-Schule wohl mal besser aufpassen sollen…

Ich wurde überraschenderweise in das Gespräch mit eingebunden und sah mich unversehens in der Rolle des Verkäufers/Beraters wieder.

Ich muss dazu sagen, dass ich nicht gut mit fremden Menschen bin. Solch ein Hineinziehen in ein Gespräch mit mir vollkommen Fremden würde normalerweise eine Unmöglichkeit sein. Hier handelte es sich jedoch um ein Thema, mit dem ich vertraut bin. Außerdem konnte man die arme Dame ja nicht quasi auf sich alleine gestellt in diesem mannigfaltigen Genre zurücklassen. Und nicht zu denken was der arme Junge hätte erdulden müssen.

Natürlich wäre Game of Thrones sicher keine falsche Entscheidung gewesen, es handelt sich dabei jedoch nicht unbedingt um ein Buch wie Herr der Ringe, oder etwas, dass man einem Jugendlichen empfehlen würde. Nur weil mir selber das in dem Alter nichts ausgemacht hätte, kann ich davon ja nicht auf andere schließen (Ich erinnere mich immer noch gerne daran, wie ich als ich vielleicht 10 war meiner Mutter den Medikus gestohlen habe, weil ich das Buch so interessant fand).

Ich sah mich also unversehens in einer Verkaufssituation wieder und tat mein bestes, beide Seiten zu befriedigen. Mein Rat nach dem Rad der Zeit konnte jedoch nicht erfüllt werden, weil nur der letzte Band einer der deutsche Übersetzungen (und ja, es gibt mehrere) vorhanden war, jedoch nicht der erste. What an Oversight!

Schlussendlich, und ich hoffe dies konnte alle drei Parteien, aber vor allem den Rezipienten des Geschenks, zufriedenstellen, sind wir mit Der Name des Windes auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. Ich hatte mehrere Serien genannt, unter anderem Codex Alera und The Black Magician Trilogie. Dies sind die Serien, an die ich mich noch am besten erinnere.

Aber die sind doch garnicht wie Herr der Ringe

Jaja, keine Sorge, das war ja nur eine Auswahl. Wieso habe ich diese Bücher gewählt? Weil gerade diese beiden Serien wirklich interessant für jugendliche Fantasyleser sein können. Und wenn ich ne Mutter (oder so) habe, die sich offensichtlich mit dem Genre nicht auskennt, dann ist es irgendwie nicht verwunderlich, dass sie nach etwas verlangt, dass dem Inbegriff des Genres (Der Herr der Ringe) ähnlich ist. Ihr Verlangen musste also nicht gleichzeitig das Verlangen des Rezipienten sein, sodass ich mir etwas Spielraum gestattete.

Ich war ein wenig geschockt, als dann die Buchhändlerin sagte, dass Die Rebellin ja nicht wirklich was für Jungen wäre… Was? Ja, da ist ja ne junge Frau die Protagonistin… Was für ein lächerliches Argument. Als wäre ein Buch nur was für Mädchen, weil das ne Protagonistin hat, und sich Jungen damit nicht identifizieren können… Wow, hätte man mir das als Kind mal gesagt, hätte ich ja nie Pippi Langstrumpf gelesen. Wie schrecklich!! Vielleicht ist das der Grund, warum ich so komisch bin…

Aber mal ganz im Ernst, wie lächerlich ist das denn? Wie kann man sowas nur sagen, sowas vertreten? Das war sogar schlimmer, als mir mit anhören zu müssen, wie diese Verkäuferin versucht, jemand anderen mit ihrem lückenhaften Wissen zu beraten.

Auch wenn es nur ein paar Minuten waren (und viel mehr hätte ich auch nicht ausgehalten…war danach schon heißer) war es doch eine interessante Erfahrung. Hier mag ich euch ja auch Bücher empfehlen, aber persönlich hat das Ganze noch mal eine andere Intensität. Ich hoffe, dass der Rezipient ein neues Lieblingsbuch im Namen des Windes gefunden hat. Ich habe damit “offiziell” Erfahrung als Buchhändler gesammelt (nehmt mir das ja nicht weg!) und das kann als “Buch”-Blogger nicht verkehrt sein.

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